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Wozu brauchen wir den Begriff „messianische Gemeinden“?
von Eli Levi
Das Thema, mit dem
ich meine vier Vorträge beginnen möchte, lautet: „Wozu brauchen wir
den Begriff ‚messianische Gemeinden’?“ Warum benötigen wir den
Ausdruck „messianisch“?
Der Grund für diese Wortwahl liegt auf der Hand: Wir wollen es dadurch
vermeiden, uns als christlich zu bezeichnen. Vor etwa zwei Jahren
erhielt ich eine E-Mail. Darin stand nur ein kurzer Satz: „Das, was in
Israel als Bewegung begann, wurde zu einer Religion in Europa und zu
einem Geschäft in Amerika.“
Wir alle wissen, worum es geht, nicht wahr? Wir müssen verstehen, dass
der Glaube an den Messias Israels, an Yeshua (Jesus) in Israel eine
Bewegung war. Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, vergessen wir
leicht, dass viele Tausend Juden an Jesus als den Messias glaubten.
Sogar Priester, die ihren Dienst im Tempel verrichteten, glaubten an
Jesus als ihren Messias. Zur Zeit Jesu gab es im Judentum viele
verschiedene Gruppierungen. Es gab die Pharisäer, die Sadduzäer, die
Essener, und innerhalb dieser Gruppierungen gab es sogar noch weitere
Untergruppen. So war die Strömung der Pharisäer in zwei große Lager
unterteilt, in Beth Hillel und Beth Shamai - die Schulen von Hillel
und Shamai. Diese Unterteilung ging sogar so weit, dass die Pharisäer
ihren eigenen, internen Hohen Rat hatten, neben dem großen Hohen Rat,
der für ganz Israel zuständig war. Keine von diesen Gruppierungen
zeigte mit dem Finger auf die andere und behauptete, die andere sei
nicht jüdisch oder ketzerisch.
Alles spielte sich in diesem großen Rahmen des Judentums ab. Innerhalb
dieses Rahmens gibt es für jeden eine Menge Freiheit, seinen eigenen
Standort zu finden. Nun, die größte Gruppe im Judentum wurde als „Am
Haaretz“ bezeichnet. Die Übersetzung dieses Begriffs bedeutet „die
Unwissenden“. Diese Menschen kannten weder die Thora noch Gott, sie
wussten gar nichts. Wenn man solche Begriffe gebraucht, dann ist das
jedoch der Gipfel der Selbstgerechtigkeit. Wenn Sie mit dem Finger auf
jemanden zeigen und sagen, der andere sei „Am Haaretz“, dann halten
Sie sich für etwas Besseres. Wir haben aber kein Recht, uns so zu
verhalten. In Wahrheit gibt es in jeder Gesellschaft eine Minderheit,
die sehr religiös oder orthodox ist, und die Mehrheit ist eher
gleichgültig. Das war damals so, das ist auch heute in Israel so, und
das ist auch in ganz Europa der Fall. Es wird sogar immer schlimmer.
Ich habe zu Beginn diese E-Mail erwähnt, in der stand, dass die
Bewegung in Europa zu einer Religion geworden sei. Wenn Sie nur 20 bis
25 Jahre zurückgehen, war Europa viel christlicher als heute. Ich
erinnere mich noch, als ich vor Jahren in Holland war. Wenn man in ein
Restaurant ging, konnte man sehen, wie an jedem Tisch vor dem Essen
gebetet wurde. Das war wirklich so. Heute sieht man es überhaupt nicht
mehr. Im Gegensatz zu vielen christlichen Rednern, die bei Konferenzen
so gerne sagen: „Es kommen so viele Menschen zum Herrn, und es ist
eine so große Offenheit zu spüren, etc.“ erleben wir doch heute, wie
das Christentum als Religion an Boden verliert, nicht gewinnt. Welche
Religion ist denn heute in punkto Wachstum die Nummer eins? Nein,
nicht das Christentum, sondern der Islam, für den sich die Menschen in
die Luft jagen und der schuld ist am Großteil, wenn nicht sogar am
gesamten Terrorismus in der Welt; das ist die Religion, die heute an
Boden gewinnt, während wir schlafen. Wen wollen wir eigentlich auf den
Arm nehmen, wenn wir behaupten, dass viele Menschen zum Herrn finden?
Wenn wir die Wahrheit Gottes haben, dann sollten wir die am stärksten
wachsende Religion in der Welt sein. Aber wissen Sie, wo das Problem
liegt? Das Christentum war nie als eigenständige Religion geplant.
Deshalb mussten die frühen Gläubigen an Yeshua (Jesus) nicht sagen,
sei seien „messianisch“, sondern sie sagten einfach: „Wir sind Juden“.
Niemand stellte ihr Judentum in Frage, weil sie keine von der
Gesellschaft abgetrennte Gruppierung waren. Im Gegenteil, sie waren
ein fester Bestandteil des Alltagslebens innerhalb einer jüdischen
Gesellschaft. Sie hatten vielleicht andere Meinungen, aber daran ist
das Judentum gewöhnt. Im Talmud heißt es, dass die Thora 70 Gesichter
hat. Keine andere Religion in der Welt ist so tolerant wie das
Judentum. In der christlichen Welt ist das anders. Wenn ein Baptist
mit einem Lutheraner redet, dann ist der Lutheraner für den Baptisten
ein Ketzer, und für den Lutheraner ist der Baptist ein Ketzer. Jede
Gruppierung will eine Uniformität der Meinungen, jeder soll dasselbe
denken, anstatt eine Pluralität der Ideen zuzulassen, damit wir
voneinander lernen können. Der Reichtum eines Lebens als Schüler und
Nachfolger Gottes kommt doch aus der Verschiedenheit der Meinungen.
Deshalb sagt uns Sprüche 27,17: „Eisen wird durch Eisen geschärft, und
ein Mann schärft das Angesicht seines Nächsten.“ Wenn wir bereits
geschärft sind, was schärfen wir dann - etwa uns selbst? Wie ich
bereits erwähnt habe, gab es im Judentum verschiedene Gruppierungen
und Meinungsunterschiede, und ich habe Beth Hillel und Beth Shamai
genannt. Beth Hillel vertrat die Meinung, alle Israeliten seien
Brüder, und wir sollten einander lieben, gleichgültig wer man sei; ob
religiös oder säkular, alle seien Israel. Die Anhänger von Beth Shamai
waren sehr streng. Hier gab es für niemanden Zugeständnisse, und man
musste alles hundertprozentig tun.
Zur Verdeutlichung erzähle ich eine kleine Geschichte. Ein Nichtjude
wollte zum Judentum übertreten. Er ging zu Shamai und fragte ihn:
„Rabbi, was muss ich tun, um die Erlösung zu haben?“ Shamai sah ihn an
und erwiderte: „Bist du verrückt?! Ich habe mein ganzes Leben im
Studium verbracht, um mir Wissen über diese Frage anzueignen, und du
willst, dass ich dir in fünf Minuten eine Antwort gebe? Verschwinde!“
Also ging der Mann zu Hillel und stellte ihm genau die gleiche Frage.
Hillel sagte: „Nun, beginne damit, dass du der beste Mensch wirst, der
du sein kannst, beginne, jeden Menschen zu lieben, und dann wirst du
jeden Tag ein bisschen mehr über die Erlösung herausfinden.“ Hier
sieht man die unterschiedlichen Denkansätze. In gewisser Weise finden
wir darin das, was Jesus uns gelehrt hat, denn Er hat die Lehren von
Hillel und Shamai in Seine Aussagen einfließen lassen. Wahrscheinlich
kannten sich die drei sogar. Jesus lehrt uns, dass wir in unseren
Anforderungen an uns selbst wie Shamai (d. h. streng), aber unseren
Mitmenschen gegenüber wie Hillel (d. h. tolerant) sein sollen. Wie
immer nimmt Jesus etwas bereits Bestehendes und verwendet es als
Verständnishilfe für uns. Auch heute ist das Judentum in viele
verschiedene Gruppierungen unterteilt. Wenn man den Statistiken
glaubt, ist die größte Gruppe säkular. Dann haben wir auch die
Chabad-Bewegung, die glaubt, dass der Rabbi aus Lubawitsch der Messias
ist. Als dieser Mann starb, veröffentlichte die Chabad-Bewegung
übrigens unter dem Titel „Long Live the King Messiah“ („Lang lebe der
König Messias“) ein bedeutendes Werk über den Messias. Als ich das
Buch las, war es nach meinem Verständnis das christlichste Dokument,
das ich jemals in meinem Leben gelesen habe, aber es war nicht
christlich - es war jüdisch.
Als das Christentum zu einer Religion wurde, hatten Juden, die an
Jesus glauben wollten, keine andere Wahl als in eine christliche Welt
hinein zu konvertieren. Das bedeutete auch, dass man Druck auf sie
ausübte, damit sie aufhörten, Juden zu sein.
Das Christentum ist in Wirklichkeit bereits im Jahr 325 n. Chr. vom
Weg abgekommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Glaubensbekenntnis von
Nicäa verfasst. Diesem Schriftstück zufolge war es verboten, als Jude
zu leben, das Judentum zu praktizieren und eine Verbindung zu haben zu
den jüdischen Wurzeln des jüdischen Messias. Bis zu diesem Zeitpunkt
galt das Christentum als Bestandteil des Judentums, und so bewegte
sich alles im jüdischen Kontext. Es gab kein Identitätsproblem, weil
das Christentum verbunden war mit einer Kultur, mit einer bestehenden
Religion. Aber nach dem Glaubensbekenntnis von Nicäa wurde Jesus aus
dem Judentum herausgenommen und in ein Vakuum gestellt. Jeder Kontakt
mit den Wurzeln (dem Judentum) wurde eliminiert und somit auch das
tiefste Verständnis über die Lehren Jesu.
Wir sind uns wohl alle einig, dass die Bergpredigt das Meisterstück
der Lehre Jesu ist. Wenn wir Matthäus 5,17 aufschlagen, können wir
erkennen, dass Jesus am Ende Seiner großen Predigt Seine Theologie und
Sein Verständnis darlegte. In den Versen 18-20 lesen wir Seine Worte
an die Menschenmenge, die sich hauptsächlich aus Juden zusammensetzte.
Jesus erkannte die Gefahr, dass die Leute nach dieser Predigt sagen
würden: Das ist es, woran wir glauben, und sonst nichts! Aber Jesus
sagt hier: „Ich bin nicht gekommen, um eine neue Religion zu gründen -
die Religion, die wir haben, ist gut! Ich bin nicht gekommen, um die
Thora oder die Propheten abzuschaffen.“ Anders ausgedrückt heißt das
doch: „Ich bin gekommen, die Thora und die Propheten zu lehren. Ich
bin gekommen, um diese Dinge zu erfüllen.“ Viele Leute lesen diese
Aussage „ich bin gekommen, um zu erfüllen“, und dann denken sie: „Na,
prima. Er hat das Gesetz erfüllt, also gilt es nicht mehr.“ Wenn Er an
dieser Stelle sagt „zu erfüllen“, dann ist das eine fortschreitende
Erfüllung - es wird noch immer erfüllt.
Im Judentum begehen wir Jom Kippur, den Versöhnungstag. Jom Kippur war
der Tag, an dem der Hohepriester in den Tempel ging, um für die Sünden
ganz Israels ein Opfer darzubringen. Auf diese Weise wurden die Sünden
der Nation gesühnt. Seit fast 2.000 Jahren ist Jom Kippur ein leerer
Feiertag, weil es keine Sühnung gibt. Das Judentum kann Jom Kippur
nicht erfüllen, es sei denn, man hat Jesus als seinen Messias. Wenn
man Jesus und Sein Blut zur Sühnung der Sünden hat, dann kann man Jom
Kippur begehen in dem Bewusstsein, dass man ein Sühnopfer hat. Deshalb
frage ich Sie: Hat Er alles in der Vergangenheit erfüllt oder erfüllt
Er es jeden Tag? Denn in Matthäus 5,18 steht: „Wahrlich, ich sage
euch, bis Himmel und Erde vergehen, werde ich es weiter erfüllen.“ Es
ist nicht so, dass Er es einmal erfüllt hat, und das war es dann. Hier
an dieser Stelle sagt Er uns, dass der Glaube an den jüdischen Messias
ein fester Bestandteil von dem ist, was Gott für Sein Volk geplant
hat. Dann sagt Er in Vers 20: „Wenn eure Gerechtigkeit die der
Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so werdet ihr
gar nicht in das Reich der Himmel eingehen.“ An einer anderen Stelle
sagt Er: „Hört auf das, was die Pharisäer euch lehren, denn sie sitzen
auf dem Stuhl des Mose, aber nehmt sie euch nicht zum Vorbild.“ Wenn
die Bibel über Gerechtigkeit spricht, dann meint sie damit die
tägliche Lebenspraxis. In der christlichen Welt sagen wir gerne
„allein aus Glauben“, und wir meinen, es genüge, einfach „Halleluja,
Amen“ zu sagen, und das sei dann alles. Deshalb sieht das Christentum
heute so aus, wie wir es vorfinden. Wir sind so sehr mit dem
„Halleluja, Amen“ beschäftigt, dass wir bereits eine direkte
Telefonleitung zu Gott haben und die Bibel nicht mehr studieren
müssen. Wenn Sie genau aufpassen, hören Sie oft, wie Christen
zueinander sagen: „Gott hat mir gesagt, dass du dies oder das tun
sollst.“ Das ist aber nicht der Weg. Gott hat uns dieses Buch, die
Bibel, nicht gegeben, um uns dann jeden Morgen anzurufen und uns zu
sagen, was wir zu tun haben.
Also, hier ist der
Messias, und er sagt Ihnen: „Ich bin nicht gekommen, um eine neue
Religion zu gründen.“ Hier hat eine neue Religion keinen Platz. Wir
sehen nicht nur, dass Er die Thora einhielt in allem, was Er tat,
sondern der Sohn Gottes, der Messias, den Gott in diese Welt sandte,
hält die Thora auch jetzt. Wenn wir 4.Mose 4,1-3 aufschlagen, was
lernen wir dann? Dass ein Priester keinen Dienst im Tempel tun konnte,
bis er 30 Jahre alt war. War Jesus ein Priester? Ja, Er war ein
Hohepriester nach der Ordnung des Melchisedek. Wie alt war Jesus, als
Er getauft wurde? Meinen Sie, es sei ein Zufall gewesen, dass Er 30
Jahre alt war? Nein, Er hat erfüllt, was geschrieben steht. Im Alter
von 30 Jahren beginnt Sein Dienst. Mit 30 führt Ihn der Heilige Geist
in die Wüste - nicht Satan, übrigens. Der Heilige Geist lässt Ihn die
Versuchungen durchstehen, um zu gewährleisten, dass dieser Priester
bereit ist für Seine Mission. Deshalb hören wir im ganzen Neuen
Testament keinen Pharisäer sagen: „Was will uns dieser Grünschnabel
eigentlich lehren?“ Er war schließlich 30 Jahre alt. Das war kein
Zufall.
Die messianische Bewegung oder der Begriff „messianisch“ war also eine
Reaktion auf jene neue Religion, das Christentum. Seit fast 2.000
Jahren mussten Juden, die an Jesus als den Messias glauben wollten, zu
einer neuen, eigenständigen Religion übertreten. Stellen Sie sich
einmal vor, was geschehen wäre, wenn in der Zeit der Zerstreuung alle
Juden Jesus angenommen und in Europa zu Mitgliedern der verschiedenen
Kirchen geworden wären. Wo wäre Israel heute? Jetzt verstehen wir,
warum Gott eine Decke über ihre Augen gelegt hat. Er wollte sie
schützen, denn die meisten Juden, die zum Christentum übergetreten
waren, hatten zwei Generationen später ihre jüdische Identität
komplett verloren. Gott will aber nicht, dass Israel seine jüdische
Identität verliert. Und so musste ein Jude, der zum Mitglied einer
Kirche geworden war, Sonntag für Sonntag in der christlichen Welt
verbringen, während die Menschen um ihn herum ihn niemals vergessen
ließen, dass er trotz seines Übertrittes ein Jude war.
Vergegenwärtigen Sie sich doch einmal, was in Spanien in der Zeit der
Inquisition geschah. Wissen Sie, dass die meisten Menschen, die in
dieser Epoche starben, Juden waren, die zum Katholizismus übergetreten
waren? Die Juden, die nicht übertraten, wurden weitgehend sich selbst
überlassen, aber die Juden, die zum Katholizismus übergetreten waren,
wurden umgebracht, weil die Inquisitoren sagten: „Oh, ihr betrügt uns,
ihr seid gar keine echten Katholiken.“ Ähnliches geschah in
Deutschland. Die meisten Juden in Deutschland waren bereits moderne
Juden. Sie verstanden sich selbst mehr als deutsche Bürger und weniger
als Juden. Einige jüdische Familien waren bereits seit mehreren
Generationen in der Kirche, aber für die SS spielte das keine Rolle -
für sie waren sie Juden. So mussten also gläubige Juden in all’ den
Jahren, in denen sie in Kirchen waren, dort sitzen und Aussagen hören
wie: „Ach, die armen Juden“ oder: „Ach, die armen Juden waren unter
dem mosaischen Gesetz.“ War das mosaische Gesetz denn wirklich das
Gesetz von Mose? Wer hat dieses Gesetz denn gegeben? Gott hat das
Gesetz gegeben. Kann denn Gott etwas geben, was nicht vollkommen ist?
Wir vergessen, dass Gott der Gesetzgeber war. Und sie mussten in
diesen Kirchen sitzen und von der „Enterbungstheologie“ hören, nach
der die Kirche das neue Israel ist und Gott Israel abgeschafft hat.
Kein einziger Bibelvers bestätigt diese Lehre. Aber deshalb haben sie
sich immer wie Fremde gefühlt, und deshalb begann ihre
Identitätskrise. Sie fragten sich schließlich: „Was machen wir hier
überhaupt?“ Als die Juden die Bibel gründlicher studierten, erkannten
sie eines: Sie würden einerseits in der christlichen Welt immer Fremde
sein, aber andererseits würden sie immer ein Teil des jüdischen Volkes
bleiben wollen. Und so begannen sie, sich zu fragen, was sie denn mit
sich anfangen sollten. Als sich die ersten Juden entschlossen,
jüdische Gemeinden zu gründen, die an Jesus als den Messias glauben,
Gemeinden, die unabhängig sind von den Kirchen, wurden diese von den
christlichen Kirchen als Ketzer angesehen. Die christliche Welt wusste
nicht, wie sie mit diesem neuen Phänomen umgehen sollte. Mit dem
Beginn der messianischen Bewegung ist die Frage der Identitätskrise
teilweise beantwortet worden, weil diese Bewegung einen Ort geschaffen
hat, an dem der Jude sich in einem messianisch-jüdischen Umfeld noch
immer als Jude fühlen kann.
Jetzt möchte ich abschließen mit dem Galaterbrief, der wahrscheinlich
am meisten missverstandenen Epistel in der christlichen Welt. Bitte
lesen Sie Galater 3,30. Dort heißt es, dass Jesus uns vom Fluch der
Thora freigekauft hat, nicht wahr? Wie hat die christliche Welt diesen
Vers verstanden? Dass die Thora ein Fluch ist! Es wird doch gelehrt,
dass die Thora „passé“ ist, dass sie abgeschafft, dass sie verflucht
ist. Glauben Sie, Gott der Vater hat Menschen erwählt, um sie zu
verfluchen? Das ist unmöglich! Schlagen Sie jetzt Ihre Bibel auf und
lesen Sie 5.Mose 30,19. Was sehen wir hier? Es heißt hier: Ich nehme
heute Himmel und Erde gegen euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und
Tod, Segen und Fluch vorgelegt. Ihr habt die Freiheit, zu wählen. Hier
sehen wir, dass wir in der Thora einen Segen und einen Fluch haben.
Übrigens ist das nicht die einzige Stelle in der Thora, wo Gott über
den Segen und den Fluch spricht. Aber der Grundgedanke ist doch, dass
es in der Thora einen Segen und einen Fluch gibt, nicht wahr? Und was
sagt Paulus im Galaterbrief? Er sagt über Jesus, dass Er uns vom Fluch
in der Thora freigekauft hat. Nicht die Thora ist ein Fluch, denn wir
haben ja gesehen, dass es einen Fluch in der Thora gibt. Wenn also
Jesus den Fluch, der in der Thora ist, weggenommen hat, was bleibt
dann noch von der Thora? – Der Segen. Was also hat Jesus für uns
getan? Er hat die Thora nicht abgeschafft, sondern Er hat den Fluch in
der Thora weggenommen, so dass wir nur noch mit dem Segen leben, der
in der THORA ist und nicht irgendwo in der Luft!
In gewisser Weise mussten wir also herausgehen aus dieser Institution,
die sich christliche Religion nennt, die sich als eigenständige, vom
Judentum abgesonderte Religion sieht. Sie alle können bezeugen, dass
jetzt, wenn wir uns wieder den Schriften zuwenden, die 2.000 Jahre
lang als christlich bekannt waren, und sie heute durch jüdische Augen
sehen, das Neue Testament mehr Würze bekommt und verständlicher wird.
Es macht sogar mehr Spaß, es zu studieren, weil wir es in seinem
ursprünglichen Zusammenhang verstehen und nicht mehr wie in einem
Vakuum.
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