Kann ein Etikett eine Identitätskrise lösen?

von Eli Levi

In meinem ersten Vortrag habe ich darüber gesprochen, dass die Juden sich innerhalb der Kirche nicht wiederfinden konnten, weil sie sich dort immer wie Fremde gefühlt haben und weil sie mit ihren jüdischen Wurzeln verbunden bleiben wollten. Als Juden sich der Kirche anschlossen, wurde die Kontinuität ihrer jüdischen Identität von Abraham an unterbrochen, weil die Kirche ihnen verbot, Juden zu bleiben. Man sagte ihnen: „Jetzt seid ihr zum Christentum übergetreten, und deshalb dürft ihr keine Juden mehr bleiben.“ Aber wissen Sie was? Keiner der Apostel ist jemals zum Christentum übergetreten. Heute haben wir eine messianische Bewegung. Wir bezeichnen uns als messianische Juden und gehen in messianische Gemeinden. Mit anderen Worten: Wir haben die Frage des Etiketts gelöst. Wenn man sich als „messianisch“ bezeichnet, dann meint man damit, dass man kein Christ ist, sondern ein Jude, der an Jesus glaubt. Wir müssen uns jedoch fragen: Kann dieses Etikett und seine Verwendung uns alles geben, was wir brauchen, damit wir uns wohl fühlen mit unserer Identität? Können wir einfach das Wort „Jude“ mit verschiedenen Bezeichnungen versehen und weiter wie protestantische Christen leben? Viele Jahre lang waren die meisten messianischen Gemeinden messianisch, nur weil das auf dem Schild über ihrer Eingangstür stand. Aber wenn man von draußen in eine ihrer Versammlungen kam, wusste man nicht, ob man in einem protestantischen Gottesdienst oder einer jüdisch-messianischen Gemeinde war. An vielen Orten begannen sie, mit jüdischen Symbolen herumzuspielen, ohne zu wissen, wie man sie richtig anwendet. Das geschah besonders in Amerika. Man traf sich am Freitagabend um 19 oder 20 Uhr und zündete die Shabbat-Kerzen an - lange, nachdem der Shabbat begonnen hatte und man kein Feuer mehr anzünden darf. Dann begingen sie den Kiddush, aber sie vermischten den Kiddush mit dem Abendmahl. Man kann das Abendmahl nicht mit einer Challah (dem Shabbat-Brot) feiern. Das Abendmahl sollte mit ungesäuertem Brot genommen werden. Erinnern Sie sich an die Worte von Paulus, dass ein wenig Hefe oder Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Sauerteig und Hefe sind Symbole für die Sünde. Aber unser Herr und Erlöser war sündlos, und dies wird symbolisiert durch das ungesäuerte Brot. Meiner Meinung nach sollten wir an diesen Dingen festhalten, weil sie jüdisch sind.

Nun, wir als gläubige Juden wollen messianische Juden sein, weil wir damit zum Ausdruck bringen wollen, dass wir nicht zum Christentum übergetreten sind. Wir sind Juden, die unseren jüdischen Messias so angenommen haben, wie Gott es ursprünglich geplant hat, weil wir uns identifizieren mit unserem Messias, der als Jude gelebt hat und mit den Aposteln, die ebenfalls als Juden gelebt haben. Der Grundgedanke, warum wir als Juden an Jesus glauben, ist doch, dass wir in die Kontinuität des Judentums eingebunden sein wollen. Das sollte meiner Meinung nach der Beweggrund für eine messianische Bewegung sein. Wenn nicht, können wir uns auch in einer protestantischen Gemeinde zu Hause fühlen, weil man überall „Halleluja und Amen“ sagen kann, ob in einer methodistischen, baptistischen, lutherischen oder anderen Gemeinde. Aber wenn wir so sein wollen wie diejenigen, die diese Bewegung begonnen haben - die Apostel, die den Messias noch persönlich gekannt haben, denn bei ihnen ist unsere Kontinuität - dann müssen wir uns ansehen, wie sie gelebt haben. Wenn wir Jesus selbst betrachten, dann stellen wir fest, dass Er sein Judentum durch und durch praktizierte - Er wurde am achten Tag beschnitten, Er feierte Seine Bar Mitzwah (erinnern Sie sich, wie Seine Eltern ihn damals auf dem Heimweg vermissten?), und Er hielt den Shabbat auf religiöse Weise. Sogar nach Seiner Auferstehung von den Toten hielt Er den Shabbat. Jetzt meinen Sie vielleicht, dass der Messias, der nach Seinem Tod und Seiner Auferstehung in einem neuen, dem himmlischen, Leib war, das Gesetz nicht mehr halten müsste, aber trotzdem tut Er es. Schlagen Sie Ihre Bibeln auf und lesen Sie Apostelgeschichte 1,12. Ich beginne absichtlich mit diesem Beispiel. Die Apostel verabschieden sich von Jesus, und Er fährt zum Himmel auf. Sie gehen vom Ölberg aus in die Stadt zurück. Im Text heißt es: „Und sie gingen nicht über die an einem Shabbat erlaubte Strecke hinaus.“ Daraus lernen wir einiges. Erstens: Wenn Sie nicht gewusst haben, an welchem Tag Jesus in den Himmel auffuhr, wissen Sie es jetzt - an einem Shabbat. Zweitens: Hier ist der Messias, der Sohn Gottes, der Auferstandene, und Er erlaubt den Aposteln nicht, weiter zu gehen als die am Shabbat erlaubte Wegstrecke. Das ist interessant, nicht wahr? Das geschah nicht rein zufällig, dass Er sie nicht weiter gehen ließ als es erlaubt war. Wenn wir jetzt Matthäus 5,20 aufschlagen, lesen wir, wie Jesus den Gläubigen sagt: „Wenn ihr nicht gerechter seid als die Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Wie erlangten die Pharisäer denn ihre Gerechtigkeit? Durch das Halten des Gesetzes. Wenn wir als Gläubige den Willen Gottes tun wollen, woher wissen wir dann, was der Wille Gottes ist? Das gilt besonders für diejenigen unter uns, die kein rotes Telefon haben, um direkt mit Gott zu sprechen. Wie können wir wissen, was der Wille Gottes ist? Der Wille Gottes ist in den Geboten. Man kann das nicht einfach umgehen. Alle Gebote, die wir in der Bibel haben, stützen sich auf die Zehn Gebote. Die Zehn Gebote sind die Grundlage für alle Gebote Gottes, und sogar als Nichtjuden wissen wir, dass wir sie alle halten müssen. Wir können uns zwar über den Shabbat streiten, aber wenn Sie Jesus nachfolgen, können Sie bei den anderen Geboten keine Abkürzung nehmen. Den Shabbat lassen wir erst einmal beiseite. Welche anderen Punkte aus den Zehn Geboten brauchen wir denn nicht einzuhalten? Keine!

In der nichtjüdischen Welt hat man heute zwei Tage in der Woche frei: den Samstag und den Sonntag. Diese beiden freien Tage verdanken Sie den Juden. Sie haben am Shabbat frei, weil Gott den Juden gesagt hat, dass sie ihn halten müssen, und Sie haben den Sonntag, weil Jesus an einem Sonntag auferstanden ist. Das alles haben Sie also den Juden zu verdanken. Aber die Wahrheit lautet: Wenn es keinen Konsens gäbe, in einem Zyklus von sieben Tagen einen Ruhetag zu haben, würden wir sieben Tage in der Woche arbeiten. Vielleicht halten Sie den Shabbat nicht wie die Juden; vielleicht zünden Sie Feuer an und fahren mit Ihrem Auto, aber sie haben doch trotzdem gern an diesem Tag frei, oder? Deshalb halten Sie ihn auch in gewisser Weise, vielleicht nicht konsequent, aber das tut sowieso niemand. Deshalb haben wir dieses Buch, die Bibel. Wenn Sie den Willen Gottes kennen lernen wollen - er befindet sich hier. Der Wille Gottes wächst nicht auf Bäumen. Man kann ihn nicht durch die Osmose verstehen, sondern man muss ihn studieren, und er befindet sich hier in diesem Buch. Aber wissen Sie, was passiert? Wir nehmen uns nur ungern die Zeit, den Willen Gottes zu studieren; aber je weniger wir wissen, was geschrieben steht, desto weniger wissen wir über den Willen Gottes. Dazu erzähle ich Ihnen eine Geschichte. Vor ein paar Jahren habe ich einen Juden getauft. Ich studierte mit ihm die Bibel, und schließlich taufte ich ihn. Als ich ihn besser kennen lernte, sagte er mir: „Ich bin verheiratet und meine Frau stammt aus Finnland. Vor ein paar Jahren hat sie die Kinder genommen und ist nach Finnland gegangen. Sie will nicht mehr zurückkommen.“ Ich fragte ihn: „Warum lässt du dich nicht von ihr scheiden?“ Er sagte: „Ich will keine Scheidung.“ Ich fragte ihn: „Und was ist mit ihr?“ Er antwortete: „Sie will sich auch nicht scheiden lassen.“ Also bat ich ihn um ihre Telefonnummer, weil ich mit ihr sprechen wollte. Ich rief sie an, stellte mich vor und fragte sie: „Wenn Sie sich nicht von Ihrem Mann scheiden lassen wollen und er auch keine Scheidung will, warum kommen Sie nicht zu ihm zurück?“ Sie sagte: „Das werde ich tun, wenn Gott es mir sagt.“ Das ist eine tolle Antwort, oder? Damit kann man alles begründen. Ich sagte zu ihr: „Wenn ich Ihnen in diesem Telefongespräch beweise, dass Gott jetzt Ihre Rückkehr nach Israel will, würden Sie dann zurückkommen?“ Sie entgegnete: „Vielleicht.“ So fragte ich sie: „Was sagt die Bibel? Wo ist der Platz einer Frau?“ Sie sagte: „Der Platz einer Frau ist bei ihrem Mann.“ Ich fragte sie: „Wo ist Ihr Mann?“ Sie antwortete: „In Israel.“ Ich entgegnete: „Was machen Sie dann in Finnland?“ Aber ich sagte auch zu ihr: „Wissen Sie, ich kann verstehen, warum Sie zögern. Warum lassen Sie Ihre Kinder nicht für eine Woche bei Ihren Eltern in Finnland und kommen nach Israel, um eine Woche bei Ihrem Mann zu verbringen, nachdem Sie vier Jahre lang getrennt waren? Warum probieren Sie es nicht einfach mal aus?“ Sie kam für eine Woche nach Israel. Danach flog sie zurück nach Finnland. Dann war sie wieder in Israel, diesmal mit den Kindern, und die Familie lebt heute noch dort.

Das ist ein gutes Beispiel. Wie oft wollen wir nicht das tun, was wir tun sollen, und dann sagen wir: „Ich warte, bis Gott es mir sagt“, aber wir wissen sehr wohl, dass Gott es uns nicht sagen wird, weil Gott nicht hunderttausend Mal alles zu jedem persönlich sagt. Gott spricht einmal, und wenn Sie Ihm folgen und an Ihn glauben, dann wissen Sie, was Er will. Vor Jahren habe ich den gleichen Fehler gemacht. Als Gott von mir wollte, dass ich die Firma, in der ich arbeitete, verlassen, alles aufgeben und in den vollzeitlichen Dienst gehen sollte, gefiel mir das nicht, weil ich nicht abhängig sein wollte von Leuten, die mich unterstützen, wenn sie mich mögen, aber mir die Unterstützung entziehen, wenn sie mich nicht mehr mögen. Für einen Geschäftsmann war das zu riskant. Außerdem kannte ich in der Gemeinde, in der ich damals war, Leute, die förmlich darum bettelten, in den vollzeitlichen Dienst zu gehen, aber nichts geschah. Sie bekamen einfach keine Chance. Als ich mir diese Männer so ansah, sagte ich mir: „Ich werde das schlauer anstellen.“ Ich ging zu Gott und sagte: „Wenn du willst, dass ich in den vollzeitlichen Dienst gehe, dann schicke jemanden, der mich darum bittet.“ Ich dachte: Wer wird mich schon bitten, in den vollzeitlichen Dienst zu gehen? Manche Leute warten jahrelang auf eine solche Gelegenheit. Aber innerhalb eines Monats wurde ich zweimal angerufen und darum gebeten, doch in den vollzeitlichen Dienst zu gehen. Dann wusste ich, dass ich nicht mehr ausweichen konnte. Ich musste alles hinter mir lassen und es versuchen. Ja, es ist wirklich einfach, zu sagen: Gott soll es mir sagen. Das ist nur ein Vorwand. Genauso verhält es sich, wenn wir zu jemandem gehen und ihm sagen: Gott hat mir das und das gesagt. Nicht Gott hat es gesagt, sondern wir wollen, dass der andere in unserem Sinne handelt.

Alle Apostel lebten als gesetzestreue Juden, auch nachdem sie Jesus kennen gelernt hatten. Vielleicht meinen wir manchmal, Petrus sei ein Reformjude und nicht so orthodox gewesen. Als Beispiel wird erwähnt, dass er, als er Paulus besuchte, mit den Nichtjuden zusammen gesessen und gegessen hatte, bevor die Brüder aus Jerusalem kamen, und sich dann zurückzog, als diese da waren. In gewisser Weise wird uns hier der Eindruck vermittelt, Petrus hätte nicht koschere Speisen gegessen, als er mit den Nichtjuden zusammen war. Aber im Text gibt es keinen Hinweis, dass er sich nicht an die Speisegesetze gehalten hat. Natürlich hat Petrus sich nicht richtig verhalten, als er beim Besuch der Leute aus Jerusalem die Nichtjuden links liegen ließ. Das war verkehrt, aber er hat das nicht aus Böswilligkeit getan, und dafür kann ich Ihnen den Beweis liefern. Wie viele von Ihnen waren schon im Ausland unterwegs? Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem fremden Land, sagen wir, in Spanien, und dort sind Sie mit Spaniern zusammen. Sie reden mit ihnen, Sie sitzen mit ihnen zusammen, und alles ist in Ordnung. Aber plötzlich kommt ein Ehepaar aus Deutschland herein. Was passiert jetzt? Sie vergessen, wo Sie sind, Sie vergessen die spanische Sprache, Sie fangen an, Deutsch zu sprechen. Das ist nur natürlich. Sicherlich ist ein solches Verhalten unsensibel und auch unhöflich, denn damit kränken Sie die Leute, mit denen sie zusammen waren, bevor Ihre deutschen Freunde gekommen sind. Genau diesen Fehler hat Petrus begangen. Deshalb hat Paulus ihn zurechtgewiesen. Er sagte ihm: „Bis gestern waren das deine besten Freunde, und du hast mit ihnen zusammengesessen und mit ihnen geredet, aber heute kennst du sie nicht mehr.“ Das hat überhaupt nichts mit dem Judentum zu tun. Meinen Sie, Petrus brauchte Paulus, um ihm beizubringen, wie er als Jude leben sollte? Wenn Petrus wirklich ein Reformjude oder ein säkularer Jude war, dann wollen wir jetzt einmal Apostelgeschichte 3,1 lesen. Was haben sie getan? Warum sind sie zum Tempel gegangen? Um dem Hohenpriester einen Besuch abzustatten? Nein, sie gingen dorthin, weil es Zeit für das Nachmittagsgebet war. Was aber macht ein Jude, der nicht besonders fromm ist, beim Nachmittagsgebet? Warum macht er nicht sein Mittagsschläfchen? Weil er ein frommer Jude ist und das Gesetz einhält. Auf dem Weg zum Gebet heilt er sogar den Gelähmten. Lesen Sie jetzt die Verse 12 und 13. Wahrscheinlich sagt Ihnen dieser Text nichts, aber wenn Sie Jude sind, das Judentum und das jüdische Gebetbuch kennen, dann merken Sie etwas: In diesem Text erfahren wir, dass Petrus das Nachmittagsgebet leitete, weil wir hier den Beginn der Liturgie aus dem Gebetbuch sehen. Er sagt zur Menschenmenge: „Ihr Männer von Israel, warum seid ihr so verwundert über das Wunder an dem Gelähmten, und warum seht ihr uns an, als hätten wir es aus eigener Kraft gewirkt?“ Dann sagt er: „Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter ...“ Aber anstelle von „Messias“ sagt er „Knecht“. Daraus können Sie entnehmen, dass er mit der Liturgie begann, denn so beginnen die Gebete. Deshalb sollten Sie uns nicht erzählen, Petrus sei kein streng gläubiger, gesetzestreuer Jude gewesen.

Jetzt wollen wir uns Paulus zuwenden. In der christlichen Welt lehrt man uns, Paulus sei gegen das Gesetz gewesen. Aber von allen Aposteln war Paulus wohl der gesetzestreuste Jude, weil er sich mehr als die anderen ans Judentum hielt. Aber Paulus hatte ein Problem. Das größte Problem in seiner Lehrtätigkeit waren Nichtjuden, die zum Judentum übergetreten waren und dann Jesus als ihren Messias annahmen. Diese Männer reisten überall herum und predigten, man müsse, um errettet zu werden, zum Judentum übertreten und dann Jesus annehmen. Paulus hat sein ganzes Leben lang dagegen angekämpft. Er wollte nicht, dass Nichtjuden meinten, sie müssten zum Judentum übertreten, um errettet zu werden.

Die erste Konferenz von Gläubigen in der Geschichte des Neuen Testaments fand in Jerusalem statt (Apostelgeschichte 15). Der Grund für diese Zusammenkunft war die Frage, was mit den nichtjüdischen Gläubigen geschehen sollte. Wegen der oben erwähnten „Judaisierer“ konnte sich die jüdische Leitung der Gemeinde Jesu nicht so recht entscheiden, wie sie mit diesem Problem umgehen sollte. In dieser Konferenz steht schließlich Jakobus auf und sagt: „Wir wollen es unseren nichtjüdischen Geschwistern nicht so schwer machen. Sie müssen nicht alles genauso einhalten wie wir Juden.“ Dann sagt er weiter: „Wir wollen sie nur bitten, sich zu enthalten von Blut, Ersticktem, von Götzendienst und Unzucht.“ Jetzt stellen Sie sich das einmal vor - er befindet sich in einem Raum mit vielen anderen Juden. Meinen Sie, er hätte eine neue Idee gehabt, wäre einfach aufgestanden, und jeder hätte ihm zugestimmt? So etwas wäre absolut untypisch für eine Versammlung von Juden. Wenn er wirklich eine neue Idee eingeführt hätte, hätte er den größten Streit vom Zaun gebrochen. Aber Jakobus spricht über etwas, was sie alle kannten. Im Judentum gibt es eine Überlieferung, nach der ein Nichtjude gerecht sein kann, ohne zum Judentum übertreten zu müssen, wenn er die sieben Gesetze Noahs einhält. Es sind zwar nicht genau sieben Gesetze, aber sie werden so bezeichnet. Jetzt gebe ich Ihnen eine „Hausaufgabe“. Lesen Sie nach, welchen Bund Gott mit Noah schließt, als er nach der Flut die Arche verlässt. Das, was Jakobus in der Apostel-Konferenz sagt, stammt Wort für Wort aus diesem Bund mit Noah. Deshalb stimmen ihm auch alle anderen Apostel zu. Wenn es schon vorher einem Nichtjuden möglich war, ohne einen Übertritt zum Judentum gerecht zu sein, warum sollten wir ihn jetzt, da wir den Messias haben, dazu zwingen, zum Juden zu werden? Sogar in diesem Fall waren die Apostel nicht etwa „liberal“ oder hatten das Judentum satt und entschlossen sich deshalb zu einem Zugeständnis gegenüber den Nichtjuden, sondern diese sieben Gesetze Noahs leiteten sich von etwas ab, was geschrieben stand und im jüdischen Gesetz anerkannt war.

Bitte lesen Sie, was Paulus in Philipper 3,5-6 sagt. Ohne hier den Gesamtzusammenhang zu berücksichtigen, wollen wir uns fragen: Zu wem spricht Paulus hier? Spricht er zu Juden oder zu Nichtjuden, die zum Judentum übergetreten sind? Was meinen Sie? Er spricht zu Nichtjuden, die zum Judentum übergetreten sind. Woher wissen wir das? Er sagt: „Ich bin ein Jude, beschnitten am achten Tag.“ Warum sollte er eine solche Aussage machen, wenn er zu Juden spricht? Alle Juden sind am achten Tag beschnitten. Das ist nichts Besonderes, aber hier geht es um den Streitpunkt, wer jüdischer ist. Paulus will ihnen damit sagen: „Ihr wollt mir etwas vom Judentum erzählen? Ich bin ein Jude, beschnitten am achten Tag, aber was ist mit euch?“ Ein konvertierter Jude kann nicht am achten Tag beschnitten sein, und deshalb hebt Paulus das hervor. Deshalb wissen wir, dass er zu jemandem spricht, der zwar beschnitten ist, aber nicht am achten Tag. Dann fährt er fort: „Nach der Überlieferung der Väter bin ich ohne Tadel.“ „Nach der Überlieferung der Väter“ bedeutet „nach den Gesetzen des Judentums“. Zu behaupten, man sei ohne Tadel, ist eine gewaltige Aussage, denn damit sagt Paulus: „Ich bin ein vollkommener Jude.“ Wissen Sie was? Noch nicht einmal die Oberrabbiner Israels können heute eine solche Aussage machen, aber Paulus wagt es. Das ist der Paulus, von dem die christliche Welt behauptet, er sei gegen das jüdische Gesetz gewesen.

Wir wollen uns jetzt dem Text in Apostelgeschichte 21,20 zuwenden. Paulus kommt nach Jerusalem, und die Ältesten der Gemeinde treffen sich mit ihm. Sie sagen zu ihm: „Wir haben hier Zehntausende Gläubige an Yeshua (Jesus), die im Sinne der Thora streng gläubige Juden sind.“ Zu dieser Zeit gibt es also Zehntausende Juden, die an Jesus glauben und die Thora einhalten. Sie wollen über messianisches Judentum reden?! Hier haben wir ein Beispiel, hier haben wir messianisches Judentum - diese Menschen waren ein Teil Israels, mit ihrem Volk verbunden und von ihm akzeptiert. Wenn ein nicht gläubiger Jude in eine ihrer Versammlungen kam, dann kam er sich nicht so vor, als sei er in einer Kirche, sondern er fühlte sich zu Hause, weil es eine jüdische Versammlung war. Sie haben damals nicht mit jüdischen Symbolen herumgespielt, sondern sie haben alles so gemacht, wie es sein sollte. Wenn Sie als gläubiger Jude ein messianischer Jude sein wollen, dann ist das der Weg. Erzählen Sie mir nicht, Sie seien messianisch, handeln aber wie ein Protestant oder etwas Ähnliches. Wenn Sie eine messianische Bewegung wollen, die von Israel und von den Juden respektiert wird, seien Sie ein ganzer Jude. Sagen Sie mir nicht, Sie seien ein Jude, und dann essen Sie wie ein Nichtjude. Zünden Sie nicht die Shabbat-Kerzen fünf Stunden nach dem richtigen Zeitpunkt an. Sie sollten das Gesetz nicht brechen, um es zu halten. Wissen Sie, warum die erste Gemeinde sich am ersten Tag der Woche versammelte? Weil sie nicht den Shabbat brechen wollte. Am Shabbatmorgen waren die Gläubigen im Tempel, in ihren Synagogen, und am Abend versammelten sie sich im Namen des Messias. Es war der Shabbatabend, weil im Judentum der Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt.

Zehntausende Juden wurden also gläubig. Unter ihnen waren auch Priester, die im Tempel ihren Dienst versahen. Jetzt lesen Sie bitte Apostelgeschichte 20,21. Hören Sie gut zu: Die negativen Gerüchte über Paulus haben sogar Jerusalem erreicht. Aber wissen Sie was? Es handelt sich um absolute Lügen! Etwas Ähnliches geschieht in den letzten beiden Jahren in Israel, aber ich möchte jetzt nicht näher darauf eingehen. Deshalb sagte König Salomo, dass es wichtiger sei, einen guten Namen zu haben als gutes Öl, denn es ist sehr leicht, einen guten Namen in den Schmutz zu ziehen. Wenn das erst einmal geschehen ist, dann ist es ähnlich wie bei Paulus sehr schwer, das nachträglich wieder gut zu machen. Also sagen die Apostel zu Paulus: „Die Leute hier in Jerusalem erzählen sich, dass du Juden gegen das Gesetz des Mose überreden willst.“ Aus der Art, wie sie ihm das mitteilen, entnehmen wir, dass die Apostel nicht an dieses Gerücht geglaubt haben, denn wenn sie es für wahr gehalten hätten, hätten sie ihn gefragt: „Paulus, wie kannst du so etwas wagen?!“ Statt dessen sagen sie ihm: „Wir wissen, dass das ein Gerücht ist, und das sollst du tun, um es zu widerlegen.“ Wenn Paulus nicht damit einverstanden gewesen wäre, hätte er sich vehement dagegen gewehrt, zum Tempel zu gehen. Denken Sie daran: Das war der Paulus, der keine Angst davor hatte, sich gegen Petrus zu stellen. Glauben Sie, er hätte sich gefürchtet, ihnen zu sagen: „Ihr wisst ja gar nicht, wovon ihr redet.“ Aber wir sehen hier, wie Paulus, dessen Gelübde beendet war, mit vier anderen Männern zum Tempel geht. Er schert sich das Haupt, denn das ist das jüdische Gesetz für das Ende eines jeden Gelübdes. Er tut das, und er bringt sogar ein Opfer dar. Jetzt könnten wir entrüstet ausrufen: „Wie konnte er das nur tun! Wir haben doch schon ein Opfer - Jesus ist unser Opfer! Wie kann er denn ein Opfer darbringen?!“ Ist es etwa verkehrt, ein Opfer darzubringen? Nein. Warum? Weil Jesus unser Sühnopfer ist und wir deshalb kein Sühnopfer mehr darbringen müssen. Aber natürlich ist es uns erlaubt, jedes andere Opfer darzubringen. Deshalb bringt auch Paulus ein Opfer dar. Wenn morgen der Tempel wieder aufgebaut würde, könnten alle Juden, die an Jesus als ihren Messias glauben, außer dem Sühnopfer jedes andere Opfer darbringen. Das lernen wir aus diesem Beispiel, denn schließlich haben die Ältesten der Gemeinde in Jerusalem, die Apostel, Paulus zum Tempel geschickt, um dort zu opfern.

Es gibt noch ein weiteres Beispiel, und zwar die beiden jungen Männer, die Paulus auf den Dienst vorbereitet: Timotheus und Titus. Wir wollen Apostelgeschichte 16,1 aufschlagen. Hier haben wir Timotheus, einen jungen Mann, der Paulus begleiten will. Paulus sagt zu ihm: „Wenn du mit mir gehen willst, musst du dich beschneiden lassen, weil deine Großmutter Jüdin ist und deine Mutter ebenfalls.“ Er besteht darauf, dass Timotheus beschnitten wird. Jetzt wollen wir Galater 2,3 aufschlagen. Wir wissen, dass Titus sich beschneiden lassen wollte, denn er hatte Paulus darauf angesprochen. Aber Paulus sagt: „Nein, ich werde nicht zulassen, dass sich ein Nichtjude beschneiden lässt.“ Diese Haltung von Paulus müssen wir verstehen. Er vertrat den Standpunkt, dass ein Nichtjude nicht zum Judentum übertreten musste, aber der Jude musste ein Jude bleiben. Er hatte gar keine andere Möglichkeit.

Bitte schlagen Sie in Ihrer Bibel jetzt Johannes 7,1-9 auf. Wieder geht es hier um Sukkoth (das Laubhüttenfest). Zunächst einmal sehen wir hier etwas sehr Interessantes. Jesus sagt zu Seinen Jüngern in Vers 8: „Geht nur und feiert Sukkoth in Jerusalem, meine Zeit ist noch nicht gekommen, dieses Fest in Jerusalem zu feiern.“ Deshalb ist Er auch noch nie an Sukkoth öffentlich nach Jerusalem gegangen. Aber am dritten Tag ist Er bereits auf dem Tempelberg und lehrt das Volk. In Vers 37 sehen wir, wie Jesus während des Festes dort steht und den Menschen sagt: „Wenn jemand durstig ist, soll er zu mir kommen und trinken, und es wird Ströme lebendigen Wassers geben.“ Warum spricht Jesus hier plötzlich über Wasser? Meinen Sie, er hatte einen Traum, Er sei ein Fisch gewesen, und dann ist Er morgens aufgestanden, um über Wasser zu sprechen? Nein, Er spricht über Wasser, weil an diesem Tag von Sukkoth im Tempel Wasser geopfert, also ein Trankopfer dargebracht wurde. In dem Moment, in dem ganz Israel an dieses Wasseropfer im Tempel denkt, sagt Jesus zur Menschenmenge: „Meint ihr, dass mir das etwas bedeutet? Ich bin das lebendige Wasser.“ Auch hier sehen wir, wie alles im Rahmen des Judentums bleibt, weil alles, was geschieht, eine Verbindung zum Judentum hat. Die Vorstellung über den Messias und darüber, dass alles erfüllt werden muss, was die Propheten über den Messias Israels vorhergesagt haben, bewegt sich immer im Rahmen des Judentums.

Am Abend dieses Tages ging der Hohepriester zum ersten Mal nach dem Versöhnungstag (Jom Kippur) in das Allerheiligste, um nachzusehen, ob das ewige Feuer noch immer brannte. Wenn das ewige Feuer ausgegangen war, hatte Gott das Sühnopfer für Israel nicht angenommen. Aber wenn die Flamme noch an war, kam der Hohepriester heraus mit einer Fackel, die er am ewigen Feuer angezündet hatte. Jetzt kommt etwas sehr Interessantes: An diesem Abend kamen die Frauen zum Tempel, und sie alle hatten Fackeln dabei. Sie warteten auf den Hohenpriester, bis er mit der brennenden Fackel herauskam. Wenn das geschah, zündeten sie ihre Fackeln an seiner an, und der ganze Tempelberg war hell erleuchtet. Deshalb sagt Jesus in Johannes 8,12, dass Er das Licht ist. Ist das nicht erstaunlich? Jetzt spricht Er über das Licht. Am Morgen des Vortages sprach er darüber, dass Er das lebendige Wasser sei, und am Abend sagte Er, Er sei das Licht. Wann sagt Er das? Nachdem Er die Frau gerettet hat mit den Worten: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Ist das nicht interessant? Daran erkennen Sie, dass Jesus nicht etwas tut, weil Er eine neue Idee hat und dann handelt, weil es etwas Neues ist.

An diesen Beispielen können Sie erkennen, wie viel wir lernen, wenn wir das Neue Testament aus einer jüdischen Perspektive lesen. Sie haben gesehen, wie viel wir in einer Stunde gelernt haben aus einem Text, den Sie vielleicht schon zigmal gelesen haben. Deshalb müssen Sie mir nicht erzählen, dass unser Glaube an Jesus nicht im Judentum verwurzelt ist, dass das Christentum eine eigenständige Religion ist, und dass Juden nur sagen müssen: „Ich bin messianisch“, um dann wie Protestanten leben zu können. So etwas ist unmöglich. Deshalb kann ein Etikett eine Identitätskrise nicht lösen. Wenn Sie Christen sind, müssen auch Sie wie Christen leben. Es reicht nicht aus, nur zu sagen: „Ich bin Christ“, sondern es muss eine Frucht zu sehen sein. Zum Abschluss lesen wir 1.Johannes 2,1-6. Hier haben wir einen jüdischen Apostel, und er drückt es so schön aus, wenn er sagt: „Leute, ich möchte, dass ihr ohne Sünde lebt, und ich schreibe euch, damit ihr nicht sündigt. Wenn ihr dennoch sündigt, ist das nicht das Ende der Welt. Dafür haben wir einen Messias, der den Preis bezahlt hat, nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. Und wie werden wir wissen, dass wir Ihn kennen? Wenn wir Seine Gebote halten.“ Welche Gebote? Woher kommen sie? Zu der Zeit, als Johannes das schreibt, gibt es kein Neues Testament. Die einzigen Gebote, an die er denken kann, sind die der Thora. In Vers 4 sagt er: „Wenn jemand sagt, dass er Ihn kennt und hält Seine Gebote nicht, ist er ein Lügner.“ Wir wollen aufhören, Gläubige und Nachfolger Jesu in der Theorie zu sein. Wir wollen aufstehen und unseren Glauben praktizieren. Glauben ist Handeln und nicht Herumsitzen. Dazu möchte ich uns alle ermutigen: Tun Sie es, und handeln Sie nach den Geboten, nach dem Willen Gottes, der nur in der Bibel steht. Wissen Sie was? Wenn wir das Alte Testament verlieren würden und nur noch das Neue Testament hätten, könnte niemand nur aus dem Neuen Testament beweisen, dass Jesus der Messias ist. Deshalb wollen wir die Verbindung wieder knüpfen und nicht auf Leute hören, welche die Schrift nicht verstehen. Es gibt eine Menge aalglatte Redner, die Theologie studiert haben und Ihnen wunderbare theologische Auslegungen bringen, aber Sie sollten lernen, den Text der Bibel zu lesen. Wenn Sie den Text der Bibel kennen, kann Sie niemand zum Narren halten. Wenn wir wahre Nachfolger des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs sein wollen und des Messias, der den Preis für uns bezahlt hat, sollten wir unsere Nasen wieder in dieses Buch stecken, denn in diesem Buch ist die Wahrheit. Sie ist nicht zu finden in den Schriften von Calvin, obwohl es darin viel Weisheit gibt. Sie ist auch nicht zu finden in den Schriften von Luther, sondern in den Schriften, die Gott Seinem Volk gegeben hat. Wenn Sie genau hinsehen, dann gehören alle Verfasser der biblischen Bücher vom ersten Buch Mose bis hin zur Offenbarung zum Volk Gottes. Der einzige Nichtjude, der in diesem Buch etwas geschrieben hat, ist Lukas, aber er war ein Arzt, der zum Judentum übertrat, bevor er an Jesus glaubte. Als konvertierter Jude fand er den Messias, aber nach dem jüdischen Gesetz gilt sogar er als Jude. In Wirklichkeit waren keine Nichtjuden an der Niederschrift der Bibel beteiligt, aber wie schnell vergessen wir das!

 

| Homepage | Gemeinde | Rundbrief | Unterstützung | Artikel | Kontakt
Copyright 2005 by El-HaLev Ministry. All rights are reserved.